Gerhard Munthe, „Sigurd I. trifft König Balduin von Jerusalem am Jordan“ (ca. 1896-1899)

Projekt

Zusammen mit der Tübinger Skandinavistik fand im Wintersemester 2014/15 ein Seminar zum Itinerar des Abtes Nikulás von Munkaþverá statt. Ziel der Veranstaltung war es, den teilnehmenden Studenten anhand dieses recht kurzen und in der Altnordistik bekannten Textes, bestimmte Arbeitsweisen aus den sogenannten "Digital Humanities" näher zu bringen. Die Grundidee war eine annotierte Webedition des Itinerars, das häufig mit dem (alt)isländischen Titel Leiðarvísir bezeichnet wird, im Zusammenspiel mit einer interaktiven Karte. Hierfür wurde der Text in kleine, nach geographischen Gesichtspunkten ausgewählte Abschnitte eingeteilt.

Nach kurzen Einführungen zum Inhalt des Itinerars und zur Handschriftenlektüre fand im Seminar hauptsächlich Projektarbeit statt. Die Studenten wählten selbständig ihren thematischen Schwerpunkt und ihre Annotationen aus. Darüber hinaus war es den Teilnehmern, die bis dato keine paläographischen Kenntnisse bzw. irgendwelche Erfahrungen mit altnordischen Handschriften hatten, freigestellt, eine Seite aus der Handschrift zu transkribieren.

Aufgrund des beträchtlichen Umfanges konnte die Arbeit nicht ein einem Semester abgeschlossen werden. In einem weiteren Kurs im Sommersemester 2015 wurden alle Annotationen redaktionell bearbeitet und zusammen in einem XML-Format abgespeichert. Außerdem wurden alle Orte im Plug-In Neatline des Content-Management-Systems Omeka verzeichnet. Die durch eine automatisch Umwandlung entstandenen HTML-Dateien wurde schließlich in Neatline eingespeist.

 

Nikulás von Munkaþverá und seine Pilgerreise

AM 194 8vo, f. 16r (© Foto mit freundlicher Genehmigung der Arnamagnæanischen Sammlung, Kopenhagen)

Nikulás Bergsson (oder Bergþórsson) war ein weitgereister isländischer Gelehrter des 12. Jahrhundert. Er gilt als Verfasser einiger Skaldengedichte und zweier Texte, die aufgrund ihrer Überlieferungslage in der Forschung zunächst als Landafræði bekannt waren. Es handelt sich hierbei in erster Linie um die beiden geographischen Texte Leiðarvísir (dt. Wegweiser) und Borgaskipan (dt. Städteverzeichnis).

 

Bevor er am 15. Juni 1158 zum ersten Abt des 1155 gegründeten Klosters in Munkaþverá geweiht wurde, unternahm er eine Pilgerfahrt von Island über Rom nach Jerusalem. Seine Reise führte ihn durch Dänemark, Deutschland, die Schweiz, Italien und durch das östliche Mittelmeer bis ins Heilige Land und nach Jerusalem.  Über diese Reise mit ihren wichtigsten Stationen erfährt man mehr im bereits erwähnten Leiðarvísir

 

Der Stil ist äußerst knapp. Die geradlinige Aufzählung von Orten und Entfernungsangaben in Tagen wird durch Wissenswertes zu einigen Orten und historische und mythologische Anekdoten aufgefüllt. Einer der Höhepunkte ist sicherlich die sehr umfangreiche Beschreibung Roms, die die Beschreibung Jerusalems, des eigentlichen Ziels, bei weitem übertrifft. Insgesamt betrachtet ist der Text eine einzigartige Mischung aus konkreter Reisebeschreibung und allgemeiner Gelehrigkeit.

 

Handschrift

Der Text ist nur in zwei mittelalterlichen Handschriften, die beide zur Arnamagnæanischen Sammlung gehören und sich in Kopenhagen befinden, überliefert. Vollständig überliefert steht er nur in der enzyklopädischen Sammelhandschrift AM 194 8vo, die auf 1387 datiert ist. Dort ist das Itinerar ganz unscheinbar ohne Überschrift oder Ähnliches in einer Aneinanderreihung von verschiedenen geographischen Texten „versteckt“.

 

Ebenfalls aus dieser Zeit ist das zwei Blätter umfassende Fragment AM 736 II 4to, das allerdings in der Überlieferung der kontinentaleuropäischen Städtenamen sehr fehlerhaft ist. Gewissermaßen liegt der Text also nur in einer Handschrift vor. Beide Handschriften sind in einem so schlechten Zustand, dass der Text durch Abrieb und andere Beschädigungen punktuell nicht lesbar ist.

 

Webpräsentation mit Neatline

Screenshot aus der Webedition des Itinerars des Abtes Nikulás

Für die erste Version der Webedition wurde der komplette Text des Itinerars als normalisierter altnordischer Text mit Übersetzung ins Deutsche vorbereitet. Die Normalisierung folgt dem Kopenhagener Wörterbuchprojekt Ordbog over den norrøne prosasprog/Old Norse Prose, die deutsche Übersetzung orientiert sich an Rudolf Simeks Übersetzung in Altnordische Kosmographie (1990). Alle Annotationen wurden von den Teilnehmern der beiden Seminar selbständig konzipiert und geschrieben. Die Vorarbeiten der Kursteilnehmer zur Transliteration der Handschrift AM 194 8vo werden sukzessive eingearbeitet.

 

Die Edition wird ohne eine feste Versionierung andauernd erweitert. Sie soll offen bleiben, um stetig neue Annotationen hinzufügen und die Qualität der vorhandenen Annotationen schrittweise verbessern zu können.



Versionsgeschichte

27. November 2015 – Altnordischer Text und deutsche Übersetzung mit 102 zum Teil ausführlichen Annotationen.

8. März 2016 – Upgrade auf Omeka 2.3.1, kleinere graphische Anpassungen und Berichtigung kleinerer Fehler.

11. Juli 2016 – Einleitung zum Itinerar von Sebastian Holtzhauer

 



 

Am Projekt beteiligte Personen

Projektleitung: Fabian Schwabe (eScience-Center)

 

 

Abschlußkorrektur der Textfassungen: Fabian Schwabe (eScience-Center)

 

Einleitung zum Itinerar: Sebastian Holtzhauer (Universität Osnabrück)

 

Karten: Dr. Dieta Svoboda (eScience-Center)

 

Technische Unterstützung: Manuel Abbt, Dr. Michael Derntl (eScience-Center), Kevin Körner (eScience-Center)

 

Kursleitung: Prof. Dr. Stefanie Gropper (Skandinavistik), Fabian Schwabe (eScience-Center)

 

 

Mitwirkung in Rahmen von Lehrveranstaltungen

 

Redaktionelle Arbeiten: Jana Hausmann, Katharina Karner, Marlene Keßler, Dominik Manal, Frederic Menke, Sören Sigg

 

Transliteration: Annika Condit, Julius Jansen, Katharina Karner, Anna Kochbeck, Anja Mißfeldt, Beatriz Plechl, Franziska Reichardt, Sebastian Schiebel

 

Normalisierung: Katharina Karner

 

Annotationen: Annika Condit, Hannes Hofer, Miriam Hohenberger, Julius Jansen, Katharina Karner,  Eva Meixner, Julia Moldt, Beatriz Plechl, Franziska Reichardt, Sebastian Schiebel, Mona Schmidhuber, Sören Sigg, Charlotte Wenner