Das ʿAbrīyīn-Archiv von al-Ḥamrāʾ / Oman

Abb. 1: Die Oasenstadt al-Ḥamrāʾ

Einleitung

Im Rahmen des von der DFG geförderten interdisziplinären Projektes „Transformation Processes in Oasis Settlements of Oman“ (1999–2007), kam es in den Jahren 2000 und 2002 zur Entdeckung eines umfangreichen Bestandes von Dokumenten. Fundort war ein Haus im alten Zentrum der Oasenstadt al-Ḥamrāʾ (s. Abb. 1 und 2; klicken Sie auf die Abbildungen um sie zu vergrößern). Seit seiner Erbauung Ende des 17. Jahrhunderts ist das Haus Sitz der Stammesführer (Scheichs) der ʿAbrīyīn, einer bedeutenden tribalen Gruppe in Oman.

Abb. 2: Fundort Bait aṣ-Ṣafāʾ

Der Dokumentenkorpus besteht zum überwiegenden Teil aus Briefen (s. Abb. 3), die an den jeweils amtierenden Scheich gerichtet sind. In Form und Inhalt gleichen die Schriftstücke Kanzleidokumenten, was darauf schließen lässt, dass es sich um eine Art Archiv der ʿAbrīyīn-Scheichs handelt. Insgesamt umfasst der Bestand mehrere Tausend Schriftstücke aus einem Zeitraum von rund 175 Jahren, von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Angesicht der generell schlechten Archivlage innerhalb der islamischen Welt stellt dieses Archiv einen in vieler Hinsicht einzigartigen Dokumentenbestand dar. Zu seinen herausragenden Merkmalen zählen neben Umfang und Geschlossenheit des Korpus vor allem seine Provenienz, der Süden der Arabischen Halbinsel. Dokumentenkorpora dieser Art sind ansonsten bislang nicht bekannt.

Abb. 3: Karton mit Briefbündeln

Vorarbeiten

Ein Teil der Dokumente wurde im Kontext der Dissertation von Michaela Hoffmann-Ruf „Scheich Muḥsin bin Zahrān al-ʿAbrī. Tribale Macht im Oman des 19. Jahrhunderts“ (Berlin 2008) ausgewertet. Eine umfassende, systematische Erfassung und inhaltliche Erschließung des Gesamtbestandes mit modernen digitalen Methoden ist bislang jedoch nicht erfolgt.

Pilotprojekt und Datenbank

Ein „Pilotprojekt“ in dieser Richtung stellt das im Sommersemester 2016 von Prof. Johann Büssow und Dr. Michaela Hoffmann-Ruf an der Abteilung für Orient- und Islamwissenschaft durchgeführte Seminar „Kommunikations-Netzwerke im Oman des 19. Jh.“ dar. Mit technischer und konzeptioneller Unterstützung durch zwei Mitarbeiter des eScience-Centers Tübingen, Dr. Michael Derntl und Dr. Fabian Schwabe, wurde mit der Entwicklung einer Datenbank zur digitalen Erfassung der Dokumente begonnen. Diese ist zum einen als Basis der späteren Analyse gedacht, zum anderen zur Langzeitarchivierung der Dokumente als Teil des kulturellen Erbes von Oman. Zusammen mit Studierenden wurde nach Kriterien für die Erfassung der Dokumente und nach Lösungen für die im Laufe der Bearbeitung anfallenden Fragen und Probleme gesucht. Die Software für die webbasierte Eingabe, Bearbeitung und Analyse der Daten wurde im Rahmen dieses Seminars am eScience-Center entwickelt und steht Entwicklern als freie Software zur Verfügung.

Abb. 5: Eingabemaske mit Daten 
des in Abb. 4 gezeigten 
Briefes
[Bild in voller Größe anzeigen]

Abb. 4: Brief von Sayyid Saʿīd b. Sulṭān
al-Būsaʿīdī an die ʿAbrīyīn,
8 Ǧumādā II 1249 / 23 Oktober 1833

Datenerfassung

Bei der Aufnahme in die Datenbank stand an erster Stelle die Erfassung der Basis-Daten, d.h. der Signatur, des Datums, der primär beteiligten Personen, d.h. Adressat und Absender sowie deren Wohn- bzw. Aufenthaltsorte. Den folgenden Schritt bildete die Erfassung sekundärer Daten wie z.B. Personen und Orte, die in dem Brief erwähnt werden, sowie eine schlagwortartige Erfassung des Inhalts. Als Beispiel zeigt Abb. 4 einen Brief von Sayyid Saʿīd b. Sulṭān al-Būsaʿīdī an die ʿAbrīyīn, und Abb. 5 zeigt die Erfassungsmaske für die Daten dieses Briefs.

 

Die Struktur der Datenbank ermöglicht es, die so gewonnen Daten um weiterführende Informationen aus anderen Quellen und Sekundärliteratur zu ergänzen. Beispielsweise können die Personennamen um biographische Informationen erweitert und den Ortsnamen die entsprechenden Geokoordinaten zugeordnet werden. Sie erlauben einen ersten Einblick in die sozialen und politischen Netzwerke, in welche die beteiligten Personen eingebunden waren. Die Geokoordinaten ermöglichen zudem eine Darstellung der regionalen Verflechtungen (s. Abb. 6).

Datenanalyse

Das Ziel der Erfassung und Erschließung ist es, einen möglichst umfassenden Überblick über die Kommunikationsstrukturen und damit über die politischen, sozialen und ökonomischen Netzwerke der Beteiligten zu erlangen. Um entsprechende Analysen durchzuführen, bietet die Datenbankanwendung Abfragemöglichkeiten und erlaubt es, die Abfrageergebnisse unterschiedlich zu visualisieren, z.B. als Tabelle, Zeitleiste, geographische Karte oder als Netzwerkgraph. Abb. 7 beispielsweise zeigt den in Abb. 4 dargestellten Brief mit Signatur D6-28 mittig in einem Kommunikationsnetzwerk aus Personen und Briefen. Betrachter können Ausschnitte dieses Netzwerks vergrößern und durch Doppelklick auf ein Objekt (z.B. einen Brief, eine Person, eine Personengruppe) oder auf eine Beziehung zwischen Objekten (Kanten, die z.B. das Versenden eines Briefes oder die Zugehörigkeit zu einer Personengruppe repräsentieren) in die Detail- und Bearbeitungsansicht für die zugrunde liegenden Daten wechseln.

Abb. 6: Kartenansicht in der Datenbank erfasster Orte

Abb. 7: Netzwerk aus Personen und vesendeten Briefen

Eine weitere Möglichkeit die Kommunikationsstrukturen zu visualisieren, ist das Erstellen eines sozialen Netzwerks von Personen, die Briefe versendet oder empfangen haben. So können mittels sozialer Netzwerkanalyse die wichtigsten Persönlichkeiten und Subnetzwerke identifziert werden. Abb. 8 zeigt beispielsweise einen Ausschnitt dieses sozialen Netzwerks, wobei die Stärke der Kanten jeweils ansteigt mit der Anzahl der Briefe, die zwischen dem Personenpaar ausgetauscht wurde.

Abb. 8: Ausschnitt des gesamten Kommunikationsnetzwerks

Datenbestand und Ausblick

Aktuell (Januar 2017) sind in der Datenbank rund 220 Dokumente, 300 Personen und 80 Orte erfasst. Bis zur Klärung der weiteren Finanzierung des Vorhabens ist die Erfassung des Bestandes vorerst eingestellt. Das zentrale Anliegen ist es jedoch weiterhin, die gewonnenen Forschungsdaten nachhaltig und langfristig zu sichern und zur weiteren wissenschaftlichen Nutzung bereitzustellen.